Ein Maler und sein Modell

Édouard Manet, Herbst, 1882

Und was für ein Modell! Eine der meist gesehenen Kokotten im Paris der Belle Époque! Eine seltene Schönheit, ein lebhafter Geist... und lustig! Eine Freundin, eine Vertraute, eine Muse und auch eine Geliebte... Marie-Anne Louviot, genannt Méry Laurent, verkörpert in den Augen Édouard Manets all dies, aber auch für viele andere Künstler wie Stéphane Mallarmé und François Coppée. Marcel Proust für seinen Roman Auf dem Weg zu Swann oder auch Émile Zola für Nana ließen sich von ihrem Leben als Schauspielerin und Pariser Halbweltdame inspirieren.

Bei diesem schönen Porträt handelt es sich um eine Bestellung. Antonin Proust, damaliger Minister der bildenden Künste, wandte sich an seinen Jugendfreund, den Maler Édouard Manet, der damals als einer der Väter der Impressionisten angesehen wurde. Die Idee bestand darin, ein ganzes Jahr anhand von modischen Frauen zu illustrieren. Das Werk ist somit Teil einer allegorischen Reihe über die vier Jahreszeiten, von denen er 1881 nur den Frühling, verkörpert durch Jeanne de Marsy, und 1882 den Herbst übernahm, für den Méry Laurent Modell stand.

Hier wird der Herbst in poetischer Art und Weise durch diese rothaarige Schönheit dargestellt, deren Haare eines der Hauptaugenmerke bildet. Sie ist mit einem langen Pelzmantel und einem braunen, fast schwarzen Muff des großen Schneiders Worth gekleidet. Der erstaunlich blaue und mit Chrysanthemen verzierte Hintergrund ist nichts anderes als ein Kimono aus Seide, der zu diesem Anlass durch den Auftraggeber bestickt wurde. Die granatapfelroten Lippen von Méry Laurent betonen ihren rosa Teint und ihre blauen Augen komplettieren die Allegorie.

Schlussendlich erwarb das Modell dieses Gemälde bei einer Versteigerung anlässlich des Todes ihres Freundes Manet und vermachte es dem Museum ihrer Geburtsstadt, Nancy. Dank Méry Laurent ist das Musée des Beaux-arts de Nancy das erste Museum der Region, das ein Werk dieses Malers besitzt.