Eine Landschaft mit Schäferspiel

Auszug aus dem Werk L’Autoportrait en miettes von Philippe Claudel

"Ich suche in den Werken von Claude nach Teilen mit lothringischer Landschaft. Ich finde keine. Und das aus bestimmtem Grund. Schon mit 13 oder 14 ist er weggegangen. Nach Italien. Claude ist Italiener geworden. Er wird wohl berühmt sein da unten. Und reich. Friedliches Leben sagt man. Und er wird da sterben.

Hat er damals die Tiere auf den Weiden in Chamagne gehütet? Ohne Zweifel. Aber später, als er einen Hirten und seine Herde malte, war es nicht das friedliche Tal, das er malte. Das war etwas anderes. Das ist ideal: Ein wenig Meer in der Ferne, ein Berg, Felsen, Gebäude aus dem Latium oder aus Kampanien. Der Hirte spielt auf seiner Flöte. Er wurde bei Vergil geboren. […]

Ich frage mich oft, was dieser kleine Hirte wohl auf seiner Flöte spielt. Welche Noten entweichen dem Holzinstrument, das sein Begleiter ist?

Eine neapolitanische oder sizilianische Tarantella? Eine römische Gaillarde? Oder die Melodie eines alten Kinderreims aus dem Herzogtum Lothringen, der von dichtem Gras, Sainte und Eichenwäldern erzählt und den die Mütter abends, so wie auch die Mutter von Claude, ihren Kindern vorsingen, bevor ihre Augenlider schwer werden und sie sich ins Land der Träume verabschieden?"