Möchten Sie noch etwas Friant?

Émile Friant (Dieuze, 1863 – Paris, 1932), Liebhaber, 1888

Nancy, 20. September 1888

Meine liebe Henriette,

ich schreibe Dir diesen Brief, um Dir von meinem letzten Treffen mit dem Sohn des Glasermeisters zu erzählen, Lucien. Wir verabredeten uns für Sonntagnachmittag an der neuen Brücke. Ich habe mein nachtblaues Kleid angelegt, das mir, wie ich finde, sehr gut steht. Ich habe einen Kragen aus braunem Samt und einen roten Gürtel hinzugefügt. Ich hoffe, das war nicht zu viel. Ich möchte nicht, dass er mich für verlottert hält... Ich habe meine Haare zu einem Dutt gebunden und sehr schnell das Privileg eines Stadtmädchens auf dem Lande abgelegt! Er hat sich nicht so viel Mühe gegeben, aber seine Augen sind sind so charmant! Er arbeitet genau wie sein Vater in der naheliegenden Glasmanufaktur bei Auguste und Antonin Daum. Er ist einer der Graveure am Schleifrad, er hat bereits vor fünf Jahren angefangen! Er hat mir viel von seiner Arbeit und seinen Hoffnungen erzählt. Er ist ein wenig ein Künstler, er hat die Seele eines Dichters!

Was sind die Ufer der Mörthe doch romantisch zu dieser Jahreszeit! Der Rahmen war idyllisch – trotz des durchgehend verhangenen Himmels, den wir in diesem Moment hatten – die Bäume beginnen ihr Farbspiel und bekommen wärmere Farben, die Weiden, die Erlen und die Eichen, und der Fluss, noch immer ein wenig ausgetrocknet durch den Sommer, lässt seine Sandbänke und den Morast mit einer beeindruckend aktiven Flora und Fauna erkennen. Wir spazierten entlang des Weges in Malzéville und wir sahen mehrere Reiher, Feldmäuse und sogar eine große Biberrate! Lucien fragte mich, ob er sie für mich jagen solle, um mir ihren Pelz zu bringen! Daraus könnte man einen schönen Mantel oder Muff machen, meinst Du nicht? Ich weiß, dass sie in Paris die Pelzmäntel von diesem Tier lieben! Die Wege entlang der Mörthe sind am Sonntag sehr belebt: Die Wäscherinnen hatten ihre Stege den Fischern überlassen und einige Kinder ließen Steine springen. Zahlreiche Spaziergänger, in Familie oder zu zweit, und junge Menschen, wie wir, finden hier einen beruhigenden Rahmen! Natürlich haben mich all die guten Leute nicht mit einem so guten Auge betrachtet! Aber immerhin bin ich 18 Jahre alt, oder nicht?! Ich beneide Dich um die Freiheit, die Du mir erzählst in Paris zu haben... aber letztendlich bin ich hier in Nancy vielleicht besser aufgehoben.

Wir sind den ganzen Sonntagnachmittag gelaufen, bevor wir zum Ausgangspunkt, zur Brücke zurückkamen. Umhüllt vom Rauch seiner Zigarette hörte ich ihm noch eine ganze Weile zu, ich wollte noch nicht verlassen, und er wollte es auch nicht wie mir schien... Die Glocken der drei umliegenden Kirchen haben uns jedoch sehr schnell zur Ordnung gerufen! Lucien beginnt morgen um fünf Uhr und ich habe auch noch einiges zu tun, bevor ich zu Bett gehe. Er hat mir versprochen, dass wir uns nächsten Sonntag wiedersehen.

Schreibe mir oft, meine liebe Henriette, Deine Briefe erhellen meinen Alltag und ich bin es überdrüssig, bis zum nächsten Sonntag zu warten.

Deine geliebte Cousine, Élise